31.10.2018

Die Energiewende: Sinn und Unsinn in der Klimadebatte

Die Bundesregierung hat die „Kommission für Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung“ im Sommer 2018 eingesetzt. Inzwischen werden erste Empfehlungen für Maßnahmen zur sozialen und strukturpolitischen Entwicklung der Kohle-Reviere sowie zu deren finanzieller Absicherung bekannt: Kosten in Höhe von vielen Milliarden Euro werden für diesen Strukturwandel pro Jahr erwartet, der Ausstieg für die Kohlekraftwerke in den späten 30er Jahren.

Vielerorts wird daran festgehalten, dass bei einem frühzeitigeren Auslaufen des Kohleabbaus Alternativen aufgebaut und neue, originäre Arbeitsplätze geschaffen werden müssen. Es gehe nicht darum, einfach Bundesbehörden dorthin zu verschieben oder neue ICE-Bahnhöfe und Fahrradwege zu schaffen, werden Lokalpolitiker zitiert. Diese umfassende strukturelle Neuausrichtung steht allerdings zu wenig im Fokus der Berichterstattung. Sie ist zu komplex, zu visionär, zu teuer und bedarf noch erheblicher Entwicklungszeit bis zur konkreten Umsetzung. Eine BDI-Studie aus dem Frühjahr 2018 zeigt auf, dass mit den heute bekannten Technologien und unter bestimmten Voraussetzungen die Klimaziele technisch und volkswirtschaftlich auch erreichbar sind. Allerdings werden für den optimalen Umbau Mehrinvestitionen in Höhe von 1,5 Bill. Euro erwartet.

Weder über die Höhe noch über die Verteilung oder Belastung einzelner Segment wird die Öffentlichkeit informiert. Die Medienlandschaft und mit ihr die öffentliche Debatte folgt lieber dem populären Ansatz der Verständlichkeit. Sie nennt die Kommission kurz „Kohlekommission“ und wartet auf eine Festlegung für ein Ausstiegsdatums der Kohlekraftwerke in Deutschland – auch wenn das nur eine von sechs Aufgaben der Kommission ist. Der Abschlussbericht soll bis zum 11. Dezember 2018 vorliegen. So diskutieren wir in Deutschland lieber – sehr emotional – den Ausstieg aus der fossilen Energieerzeugung. Diese Debatte ist sinnvoll, der Ausstieg ist richtig und wird schneller kommen, als ursprünglich bis in die 2040er Jahre geplant. Nach dem derzeit bekannten technischen Sachverstand ist dieser Schritt allerdings nicht unmittelbar oder binnen weniger Jahre möglich.

Versucht man sich der Sachlage zu nähern, wird im Faktencheck zunächst deutlich, dass die Industrie und insbesondere die Energiewirtschaft – also die Kraftwerksbetreiber - bisher ihre Hausaufgaben gemacht und die erforderlichen Reduzierungen beim CO2-Ausstoß geliefert haben. „Bei allem Respekt vor der bisherigen Leistung von Industrie und Energieerzeugern wird deren Engagement zur Entwicklung alternativer Energieträgern noch weiter zunehmen“, betont Thomas Kaczmarek, Geschäftsführer des Wirtschaftsverbandes Mineralische Nebenprodukte e.V.. „Deren Investitionen in Wind-, Wasser- oder Sonnenenergie und die Forschung zu synthetischen Kraft- und Brennstoffen oder zur Speicherung und Nutzung von CO2 wird bald Früchte tragen.“

Hinzu kommt, dass diese Unternehmen für ihren CO2-Ausstoß sog. Zertifikate kaufen müssen. Sie werden nach den globalen Vereinbarungen im Kyoto-Protokoll von 1997 auf einzelne Länder oder Ländergruppen hinsichtlich ihrer Emissionen von klimawirksamen Gasen verteilt und können zu Marktpreisen gehandelt werden. Steigt der Preis je Zertifikat, werden die Emissionen teurer. Dieses Regulativ ist zudem ein Anreiz für die energieintensive Industrie, eigene Maßnahmen zur Reduzierung bis zum technisch Möglichen zu ergreifen.

Ganz anders sieht es in den Wirtschaftssektoren aus, die ihre Zertifikate für den CO2-Ausstoß nicht selbst kaufen müssen, wie beispielsweise beim Wohnen und Heizen, beim Autofahren oder in der Landwirtschaft. Um die deutschen Zusagen in der EU-Klimadebatte zu halten, wird der Staat bis 2030 rund 60 Mrd. Euro für den Zertifikate-Ankauf aus anderen Ländern aufwenden müssen, wenn der Energieverbrauch und damit die CO2-Emissionen nicht gesenkt werden können. Und damit hat die Diesel-Affäre nichts zu tun. Im Gegenteil.

Das globale Ziel der Reduzierung von Treibhausgasen ist richtig. Bei dem Diskurs über Veränderungen und Einsparungen darf nicht nur am Gürtel des anderen hantieren werden. Was jeder Einzelne tun kann, zeigt Latif Mojib auf und fokussiert den aktuellen UN-Weltklima-Report IPPC perfekt: der anerkannte Klimaforscher mit Professuren am GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung und der Christian-Albrechts-Universität in Kiel mahnt z.B. an, dass jeder einzelne bei der Wahl des Fortbewegungsmittels (keinen Geländewagen) oder der gesunden Ernährung (weniger Fleisch) beitragen könne. „Und wir müssen auch nicht dreimal im Jahr ein Urlaubsflugzeug besteigen“, so der Klimaforscher.

Diese Verhaltensänderungen bei Menschen haben einen durchaus längeren Erkenntnis- und Umsetzungshorizont, als er in theoretischen Modellen berechnet werden kann. Die gesellschaftlichen und soziologischen Anpassungen werden in keiner der bekannten Studien berücksichtigt. Auch birgt dieser Prozess noch das Risiko des politischen Meinungsumschwungs, wenn der Gürtel zu eng geschnallt wird. Vielleicht nicht mehr in der Richtung, aber durchaus in der Geschwindigkeit.

WIN-Geschäftsführer Kaczmarek: „Wir müssen uns intensiv darüber Gedanken machen, wie wir bei allen nationalen Einspar- und Technologiekonzepten zur Energiegewinnung und –nutzung die EU-Nachbarstaaten mitnehmen. Und den Rest der Welt, denn dort wollen in den kommenden drei Jahrzehnten 1,5 Milliarden Menschen mehr ernähren werden. Es gibt viel zu tun. Und da ist der sukzessive Kohleausstieg in Deutschland unser geringstes Problem.“

Weitere Informationen finden Sie im WIN-Kommentar.

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